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Stand: 12.06.2017

Pressemitteilung

Caritas-Gemeindepsychiatrie diskutiert auf ihrem Fachtag kontrovers zukünftige fachliche Entwicklung

Hierzu hatte eine Vorbereitungsgruppe mit Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Professor für Theologische Ethik an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und Prof. Wolfgang Hinte, Universität Duisburg-Essen, seit 1985 Leiter des Institut für Stadtteilentwicklung, sozialraumorientierte Arbeit und Beratung (ISSAB), zwei prominente Querdenker eingeladen, die mit Vorträgen und Workshops jeweils einen halben Tag gestalteten.

Prof. Lob-Hüdepohl widmete sich in seinem inhaltlich wie rhetorisch exzellenten  Vortrag aus sozialethischer Sicht dem Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Versorgung und Inklusion  - auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft. Er hinterfragte kritisch den "schillernden Containerbegriff Inklusion", der aktuell einerseits mit "glänzenden Augen" aber auch "eingetrübten Erwartungen" betrieben wird.

Aus seiner Sicht ist es zentral, die UN-Behindertenrechtskonvention nicht als Inklusions-, sondern als Menschenrechtskonvention zu verstehen, die Rechte in relevanten Lebenslagen wie Arbeit, Wohnen, Politik, Sport und Bildung definiert. Für die Arbeit der Gemeindepsychiatrie bedeutet dies aus seiner Sicht, dass es nicht nur um die "gemeindenahe Ansiedlung individuumsbezogener Versorgung im alltagsweltlichem Sozialraum" gehen könne, sondern explizit um "gemeindezentrierte Arbeit mit dem Sozialraum als Medium/Ressource für inkludierende Interventionen". Sozialarbeiterinnen und Pädagogen seien vor allem dann eine wirksame Hilfe für ratsuchende Menschen, wenn sie sich selbst als Teil des sie umgebenden Sozialraums sehen. Dies sei durchaus eine Haltungsfrage, die Flexibilität im Denken und Handeln erfordere.

Wirksame inkludierende Interventionen seien immer dann gegeben, wenn darüber hinaus die persönlichen Ressourcen und das jeden Menschen umgebende Netzwerk in die Arbeit mit einbezogen würden. So könne der "Zielpunkt (Wieder-)Freilegung bzw. Stärkung ‚subjektiver Ressourcen‘ an Orten kleinräumiger Solidaritäten (auch) im öffentlichen Raum" zusammen mit den zu begleitenden Menschen erreicht werden.

Der wichtigste Faktor für die Bewältigung schwerer Belastungen und für die Aufrechterhaltung von Lebensqualität trotz Behinderung oder chronischer Krankheit  sei ein verlässliches Netz sozialer Beziehungen, auf das in Krisen- und Krankheitssituationen zurückgegriffen werden könne, das aber auch in alltäglichen Lebenssituationen die Handlungsfähigkeit garantiert, so Prof. Lob-Hüdepohl in einer klaren Botschaft an die Zuhörenden. Die Soziale Arbeit sei daher dazu aufgerufen, ihre professionelle Beratungsarbeit und persönliche Haltung hierin kritisch zu reflektieren.

Soziale Einrichtungen der Behindertenhilfe sollte daran gelegen sein, nicht nur ihre eigene Institution so weit wie möglich zu öffnen, sondern auch von sich selbst heraus mannigfaltige Verknüpfungen in den sie umgebenden Sozialraum zu entwickeln.

In anschließenden thematischen Arbeitsgruppen griffen die TeilnehmerInnen des Fachtags diese Impulse auf und diskutierten u.a. über Ideen, Möglichkeiten und innerverbandlich bereits bestehende neue Ansätze der Beratungsarbeit.

Prof. Hinte, konnte am Nachmittag mit seinem Vortrag über Sozialraumorientierung in der Gemeindepsychiatrie bestens an den Vortrag von Prof. Lob-Hüdepohl anschließen. Er skizzierte in seinen fünf Prinzipien der Sozialraumorientierung eine am konkreten Willen des Ratsuchenden orientierte Beratungsarbeit.

Hinte kritisierte, dass im derzeitigen Hilfssystem zu Beginn eines Beratungsprozesses fast ohne Ausnahme viel zu wenig Zeit in die detaillierte Analyse des eigentlichen Willens des Betroffenen investiert wird.

"Der Wille ist eine Haltung, aus der heraus ich selbst nachdrücklich Aktivitäten an den Tag lege, die mich dem Erreichen eines von mir erstrebten Zustandes näher bringen. Dabei habe ich einige Ressourcen zur Erreichung des Zustandes selbst in der Hand. Welche konkreten Schritte das sein können und wer dabei in welchem Umfang welche Unterstützung  leisten  kann,  sei  Gegenstand  des  kooperativen  Prozesses  und  des daraus folgenden Kontrakts", so Hinte.

Durch diese mangelnde Analyse seien häufig die mittelschichtsorientierten Ideen und Handlungsweisen der beratenden Sozialarbeit im Beratungsprozess handlungsleitend, was häufig zum insgesamten Scheiterns des Prozesses führe.

Anstatt in einem gemeinsamen Prozess den tatsächlichen Willen des Ratsuchenden zu ergründen, gefallen sich viele Pädagogen "Wünschen (der Ratsuchenden) nachzukommen  oder  gar  die alleinige  Verantwortung  für  die  Veränderung  von  Lebensbedingungen  oder  gar Biografien zu übernehmen". Folge sei, sie "nehmen (…) den wünschenden Menschen die Möglichkeit eigener Aktivität und verstärken somit eine passive   Erwartungshaltung   auf   optimale   Betreuung   und   wohlfahrtstaatliche Zuwendung".

Da sei es kein Wunder, so Hinte, dass viele Ratsuchende viele Jahre oder gar Jahrzehnte im Hilfesystem verblieben, da die Entwicklung einer eigenen autonomen Lebensführung letztendlich von einem Hilfesystem verhindert wird, welches perplexer Weise überwiegend von überaus motivierten und engagierten Pädagogen betrieben wird.

Ziel von sozialer Arbeit müsse es aber sein, die persönliche Autonomie und Handlungsfähigkeit des Individuums zu stärken / entwickeln.

Caritasdirektor Franz-Josef Kiefer dankte beiden Referenten für die aus seiner Sicht wertvollen kritischen Impulse, die er gerne aufgreift und nachfolgend in den Teams und Gremien des Caritasverbandes weiter diskutieren möchte. "Ich halte es für unumgänglich, dass wir unsere eigene fachliche Arbeit immer wieder kritisch reflektieren und uns stets fragen, ob wir hiermit den bei uns ratsuchenden Menschen eine gute Unterstützung sind. Für diesen innerverbandlichen Prozess war der heutige Tag überaus wertvoll", so Franz-Josef Kiefer in seinem Resümee der Veranstaltung.

Bastian Ripper, Referent Vorstand

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