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Stand: 12.06.2017

Pressemitteilung

Missbrauchserfahrungen von geflüchteten Jungen und Männern – ein Tabuthema?

Die Scham, davon zu berichten ist jedoch ungleich höher als bei den weiblichen Patientinnen, denen es auch schwer fällt, von den Erlebnissen zu berichten – ungeachtet der Dunkelziffern bei beiden Gruppen.

Es dauere sehr lange, bis sich ein so stabiles Vertrauensverhältnis aufgebaut habe, dass männliche Missbrauchsopfer über das Erlebte sprechen können, berichtet Marion Silberreiss. Die Dipl. Psychologin befasst sich im Rahmen ihrer Tätigkeit „Verbesserung der psychosozialen Situation von geflüchteten Menschen im Landkreis Darmstadt-Dieburg“ u.a. mit dem Zugang zu den Angeboten der psychosozialen Versorgung. „Dabei ist mir aufgefallen, dass der Themenbereich ‚Männer als Opfer von Gewalt‘ bislang wenig Beachtung gefunden hat und dafür entsprechend wenige Hilfeangebote zur Verfügung stehen.

Neben erpresserischen Drohungen seitens des Täters sei laut allgemein gültigem Rollenverständnis die innere Überzeugung, stark sein zu müssen, enorm hoch. Zudem hätten die Betroffenen Angst stigmatisiert zu werden bzw. im Falle eines Missbrauchs durch Männer als „mitschuldig“ oder „schwul“ angesehen zu werden, so die Caritasmitarbeiterin. „Wenn es sich um geflüchtete männliche Missbrauchsopfer handelt ist kulturspezifisch bedingt die Hürde, über derartige Erlebnisse zu berichten, noch ausgeprägter als sonst. Wenn überhaupt eine Beratungsstelle aufgesucht wird, werden anfänglich zumeist allgemeine somatische Symptome geschildert, die diagnostisch nicht überprüft werden können“, erläutert die Fachfrau.

Auch einige Hilfsorganisationen berichten, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer auf und nach der Flucht sexuellen Übergriffen ausgesetzt sind und dieser Personengruppe kaum Hilfe zur Seite gestellt werden kann.

Für die psychosoziale Arbeit mit geflüchteten Menschen ist es kurzfristig zunächst einmal wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass auch Männer Opfer von Gewalt gewesen sein können und diesen Gedanken in die Öffentlichkeit zu tragen“, so der Appell von Marion Silberreiss.

Da es insgesamt nur wenig Literatur oder Studien über Männer als Opfer sexueller Gewalt gibt und nur wenig spezialisierte Hilfe- oder Beratungsstellen existieren, gehe es mittelfristig darum, dieses Gebiet auszubauen um der betroffenen Personengruppe, seien es Kinder oder Erwachsene, adäquate Hilfe in der Bewältigung dieser stark tabuisierten Thematik anbieten zu können. Noch sei die psychosoziale Versorgungslage insbesondere für geflüchtete Menschen oft defizitär ist. Jedoch sei bei einem Verdacht auf Misshandlung eine Vermittlung an eine Beratungsstelle mit entsprechenden Kapazitäten dringend indiziert. Aber auch ausgewogene Lebensumstände wie zum Beispiel Arbeit, ausreichend Bewegung oder soziale Kontakte könnten zu einer Verbesserung des individuellen Befindens beitragen.

Im Sinne zukünftiger Präventionsmaßnahmen wäre es wichtig, durch entsprechend kulturell angepasste Informationskampagnen eine Veränderung sozio-kultureller Normen anzustreben, um somit langfristig den Wandel in der Einstellung, dem Wissenstand und in der Folge eben auch dem Verhalten der Gesellschaft zu erreichen“, so der Wunsch und das Ziel der Migrationsmitarbeiterin.

Kontakt:
Caritaszentrum St. Ludwig
Wilhelm-Glässing-Straße 15–17
64283 Darmstadt
E-Mail: m.silberreiss@caritas-darmstadt.de

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Psychosoziale Hilfe und Beratung für Flüchtlinge

Ein Wegweiser zu psychosozialen Beratungsstellen für geflüchtete Menschen im Landkreis Darmstadt-Dieburg.
Außerdem: Informationen über Interkulturelle Vermittlungskräfte, Fremdsprachige Therapeutinnen und Therapeuten in Hessen, Psychiater/innen / Landkreis Darmstadt-Dieburg und Informationen für Flüchtlingshelfer/innen zur medizinische Versorgung Geflüchteter.

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