Für Winfried Hoffmann ist das zehnjährige Bestehen des Guballa-Hauses auch ein Anlass, nach vorne zu schauen. „Wir erleben derzeit einen erheblichen finanziellen Druck auf die Kinder- und Jugendhilfe. Vieles steht auf dem Prüfstand. Gerade in dieser Situation dürfen wir nicht vergessen, für wen diese Hilfen da sind“, sagt der Caritasdirektor. Die Jugendlichen, die in einer Wohngruppe leben, bringen häufig bereits viele schwierige Erfahrungen mit. Sie brauchen nicht weniger Unterstützung, sondern einen verlässlichen Rahmen und Menschen, die ihnen zutrauen, ihren eigenen Weg zu gehen. „Wenn wir jungen Menschen diese Möglichkeiten geben, investieren wir nicht nur in ihre Zukunft. Wir übernehmen auch Verantwortung für unsere Gesellschaft“, so Winfried Hoffmann. Das Guballa-Haus zeige seit zehn Jahren, was solche Hilfen bewirken können. „59 junge Menschen haben hier gelebt. Viele sind ihren Weg gegangen, haben Schulabschlüsse gemacht, Ausbildungen begonnen oder ein Studium aufgenommen. Das ist für uns die wichtigste Antwort darauf, warum diese Arbeit notwendig ist. Wir müssen an diesen Angeboten festhalten. Auch dann, wenn der politische und finanzielle Wind gerade von vorne kommt.“
Als der Caritasverband Darmstadt das erste stationäre Haus der Kinder- und Jugendhilfe im Heimstättenweg 102 im Juli 2016 eröffnete, war vieles neu. Die Stadt Darmstadt suchte angesichts der vielen unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten dringend nach Möglichkeiten, junge Menschen aufzunehmen und zu betreuen, so dass das Haus zunächst schneller mit Leben gefüllt war, als bei Neueröffnungen sonst üblich. „Innerhalb von vier Tagen war das Haus voll“, erinnert sich Kazhal Amiri. Junge Menschen aus Marokko, Syrien, Afghanistan, Eritrea und Äthiopien zogen größtenteils ohne Deutschkenntnisse ein. So brauchte es oft Dolmetscher, wenn unterschiedliche Sprachen und Kulturen aufeinandertrafen. „Es fühlte sich ein bisschen wie ein internationales Treffen an“, erinnert sich Kazhal Amiri, die schon von der ersten Stunde als Anerkennungspraktikantin dabei war. Dass sie selbst Persisch sprach, war damals eine große Hilfe.
In den folgenden Jahren kam es in der Einrichtung zu Veränderungen. 2018 zog das erste Mädchen ein und nach und nach weitere Kinder und Jugendliche aus der Region, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr zu Hause leben konnten.
„Heute ist das Guballa-Haus für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren eine Alternative zu ihrem ursprünglichen Zuhause“, berichtet Gruppenleiter Steffen Friske. „Die Gründe für den Einzug sind sehr verschieden. In manchen Familien gibt es schwere Konflikte, Eltern sind psychisch erkrankt oder haben ein Suchtproblem. Manchmal funktioniert das Zusammenleben nach einer Trennung nicht mehr. Es gibt leider sehr viele Gründe, warum Familien ihr Kind nicht adäquat versorgen können und den Erziehungsauftrag nicht erfüllen können. Derzeit haben wir auch drei geflüchtete junge Menschen aus der Ukraine in unserer Wohngruppe.“
Im Lauf der Jahre habe sich der gesellschaftliche Blick auf die Jugendlichen verändert. „Heute wird häufiger gesehen, dass hinter auffälligem oder schwierigem Verhalten oft belastende Lebenssituationen stehen. Viele Eltern haben lange versucht, die Situation zu bewältigen, bevor sie an ihre Grenzen gekommen sind“, so Kazhal Amiri.
Im Guballa-Haus sollen die Jugendlichen deshalb vor allem eines erfahren: Sie sind hier sicher. „Hier dürfen sie bleiben, auch wenn es mal nicht rund läuft. Gemeinsam wird geschaut, wie es weitergehen kann“, so Steffen Friske. Dabei gebe es nicht den einen richtigen Weg. Manche Jugendlichen bräuchten mehr Unterstützung, andere mehr Freiheit. Das achtköpfige Team versuche, für jeden jungen Menschen den passenden Rahmen zu finden. „Ich vergleiche die Situation gerne so: Für jede Pflanze muss man auch den richtigen Standort finden, damit sie sich gut entwickeln kann.“
Manche Wege sind dabei erstaunlich. Ein ehemaliger Bewohner machte im Anschluss an seine Zeit im Guballa-Haus eine Ausbildung zum Autolackierer und fand eine gute Arbeitsstelle. Eine junge Bewohnerin hat hier ihr Abitur gemacht und beginnt nun ein Studium. Ihren Führerschein hat sie sich selbst finanziert. Solche Entwicklungen lassen sich beim Einzug oft noch nicht erahnen. Manche Jugendliche wissen zunächst nicht, ob sie überhaupt wieder regelmäßig zur Schule gehen werden. Andere haben keine Vorstellung davon, was sie später machen möchten. Da ginge es erst einmal um kleine Schritte.
Auch die Freizeit gehört zur pädagogischen Arbeit. Das Kanuprojekt ist Steffen Friske ein Herzensprojekt. Vier Jugendliche fahren mehrere Tage an die Isar, lernen Kanu zu fahren und machen ein Rettungstraining. „Beim gemeinsamen Schwimmen oder bei anderen Unternehmungen kommen manchmal Dinge in Bewegung, die vorher festgefahren waren. Die Jugendlichen erleben, dass sie etwas schaffen können und sich auf andere verlassen müssen“, so der Gruppenleiter.
Eine Bindung an das Haus und an die Menschen, die dort arbeiten, entsteht aber auch im Alltag. Beim gemeinsamen Essen, das von der Hauswirtschaftskraft vorbereitet wird, beim Feste feiern oder bei der Wasserschlacht. Einige der ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohner halten bis heute Kontakt. „Bei aller Unterschiedlichkeit der eigenen Geschichten, ob nur kurz im Haus oder über mehrere Jahre, das Ziel ist immer dasselbe: Irgendwann sollen die Jugendlichen das Guballa-Haus nicht mehr brauchen. Sie sollen ihren eigenen Weg gehen können“, bringt es Dienststellenleiterin Kirstin Reiniger auf den Punkt.
Nach zehn Jahren ist aus dem „weißen Blatt Papier“ von 2016 eine Einrichtung geworden, die auf viele Erfahrungen zurückblicken kann. Das Team ist gewachsen und stabiler geworden, die pädagogische Arbeit hat sich weiterentwickelt. Und auch wenn sich die Geschichten der Jugendlichen verändert haben, ist eines geblieben: Das Guballa-Haus ist ein Ort auf Zeit, an dem junge Menschen zur Ruhe kommen, wieder Vertrauen fassen und Schritt für Schritt ihren eigenen Weg finden können.
Zahlen und Fakten
- Eröffnung: 2016
- Standort: Heimstättenweg 102, Darmstadt
- Aktuell: 11 Plätze für Kinder und Jugendliche
- Alter: ab 12 Jahren bis zur Volljährigkeit, bei entsprechendem Hilfebedarf auch darüber hinaus
- Bisher: 59 junge Menschen haben in zehn Jahren im Haus gelebt
- Wohnen: Einzelzimmer, gemeinschaftlich genutzte Küche, Wohn- und Essbereich, Gruppenraum und Fitnessraum
- Verselbstständigung: eigener Bereich (für zwei Jugendliche) im Dachgeschoss
- Betreuung: ganzjährig, rund um die Uhr
- Aktuelle personelle Struktur: acht Stellen mit Beschäftigungsumfängen zwischen 50 und 100 Prozent, vier geringfügig Beschäftigte und eine Praktikantin
- Pädagogische Schwerpunkte: Alltagsbegleitung, schulische und berufliche Förderung, Verselbstständigung, Gemeinschaft, Selbstständigkeit und erlebnispädagogische Angebote
- Entwicklung: Start 2016 als stationäres Angebot für unbegleitete minderjährige Geflüchtete; ab 2018/2019 zunehmende Aufnahme von Kindern und Jugendlichen aus der Region mit unterschiedlichen Hilfebedarfen