Caritasverband Darmstadt e. V.
Eine gestürzte Bewohnerin, Hilferufe aus dem Zimmer, Blutdruck messen und gleichzeitig die Wunde dokumentieren - im Pflegealltag zählt jede Sekunde. Können digitale Roboter-Assistenten den Pflegekräften in solchen Momenten den Rücken freihalten? Das ist eine Forscherfrage des Projektes "GIDEA", welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Pflegefachkraft Julien Schnell war als Testperson mittendrin.
Kaum hatte der Caritasmitarbeiter die Virtual-Reality-Brille aufgesetzt, landete er von der Kapelle des Alten- und Pflegeheims St. Elisabeth Bürstadt sekundenschnell im Wohnbereich von Einhausen. Mit der VR-Brille und einem Controller mit drei Knöpfen in der Hand bewegte sich der Pfleger in der 3D simulierten Welt, die Stefan Resch von der University of Applied Sciences erstellt hat, schnurstracks ins Bewohnerzimmer und fand sich in der simulierten Notsituation wieder. Eine Bewohnerin war gestürzt und hatte eine leichte Schürfwunde.
Test mit versus ohne Roboter
Julien Schnell arbeitet seit zehn Jahren in der Pflege, seit sechs davon als examinierte Pflegefachkraft. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Im virtuellen Raum testete er das Szenario zweimal: einmal ganz klassisch auf sich allein gestellt und einmal mit digitaler Unterstützung durch einen Roboter, den er per App herbeirufen konnte. "Wir versuchen die mentale und physische Arbeitsbelastung messbar zu machen und herauszufinden, ob die Technik im echten Leben wirklich eine Hilfe ist", erläutert Stefan Resch das Ziel des Tests.
In der Vergangenheit habe es in der Pflegebranche immer wieder gut gemeinte Erfindungen gegeben, die in der Praxis krachend scheiterten, ergänzte Michael Weber, der beim Caritasverband Darmstadt die Stabsstelle Digitalisierung verantwortet. Heimleiterin Melanie Hagedorn fällt dazu der LED-Trinkbecher ein, der ans Trinken erinnern sollte. "Das war nett gedacht, hatte aber zu viele Schwächen und sich im Alltag nicht bewährt."
Der Roboter kommt da besser weg, Julien Schnell empfand ihn vor allem bei der Dokumentation als eine echte Stütze. "Die integrierte Kamera hält sofort fest, wie hoch der Blutdruck war. In der Aufregung einer echten Notfallsituation kann man einen Wert schon mal vergessen, bis man zurück am Pflegestützpunkt ist und ihn in den Computer einträgt", sagt er nach seiner Testphase. "Eine riesige Hilfe wäre es zum Beispiel, wenn der Roboter im Ernstfall autonom zur Pforte fahren und dort den Rettungsdienst in Empfang nehmen und zum Zimmer leiten könnte", denkt der Pfleger nach dem Test direkt weiter. Bis es so weit ist, müssen allerdings auch noch dicke Bretter gebohrt werden, vor allem beim Thema Geld. "Einen solchen Roboter für beispielsweise 350 Euro im Monat zu leasen, klingt im ersten Moment machbar. Doch die Anschaffungs- und Wartungskosten sind in den regulären Refinanzierungen der Pflegekassen aktuell überhaupt noch nicht vorgesehen. Hier muss sich in der Politik dringend etwas tun", erklärt Melanie Hagedorn, die auch immer den wirtschaftlichen Blick der Einrichtung im Auge behalten muss. Ihr Fazit endet an dem Tag mit einem Wunsch: "Die Technologie wird den Menschen niemals ersetzen. Aber sie sollte uns so unterstützen, dass sie uns entlastet und zu den Abläufen in unserem Haus passt."
Michael Weber hat für den Caritasverband Darmstadt viel Zeit und Engagement in das GIDEA-Projekt investiert. Er setzt sich schon lange dafür ein, dass die Pflege eine Option hat, die Zukunft selbst mitzugestalten. "Ich bin froh und dankbar, dass wir uns mit der Universität und dem Fraunhofer Institut auf den Weg gemacht haben, um gemeinsam etwas zu entwickeln. Auch wenn wir manchmal in unterschiedlichen Sprachen sprechen, die der Wissenschaft und die der Pflege-Praxis, so haben wir schon vieles auf die Beine gestellt und neue Ansätze auf den Weg gebracht." Das Projekt läuft noch bis zum Jahr 2028. Danach sollte die Forschung in die Praxis übergehen und die Wirtschaft mit ins Boot geholt werden.
Auch in Bensheim und Lampertheim haben sich Pflegekräfte als Testpersonen zur Verfügung gestellt, 24 Pflegefachpersonen, Pflegehilfskräfte und Auszubildenden sind es insgesamt, die ihr zeitliches und persönliches Invest für dieses Projekt zur Verfügung stellen. Stefan Resch wird nun die Daten auswerten und in der Fokusgruppe präsentieren. Am Ende des Tages sind sich alle Beteiligten einig, dass jeder Schritt, den die Technik den Pflegekräften im Alltag abnimmt, ein Gewinn für mehr Zeit und echte Zuwendung für die Menschen im Haus ist. Ganz nach dem Motto: "Mit der Praxis, für die Praxis!"
Das Projekt GIDEA im Überblick:
- Wofür steht GIDEA? Das Projekt heißt voll ausgeschrieben "Ganzheitliche Innovationsmethodik für digitale Assistenztechnologien zur Entlastung bei indirekten Pflegetätigkeiten".
- Wer fördert das Projekt? Das Verbundprojekt wird offiziell vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen des Förderprogramms "DATIpilot" finanziert.
- Wer forscht gemeinsam? Der Caritasverband Darmstadt e. V. arbeitet hier Hand in Hand mit dem Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung (IGD) und der Frankfurt University of Applied Sciences.
- Was ist das Ziel? Aktuelle Studien zeigen eine besorgniserregend hohe psychische und körperliche Belastung im Pflegeberuf. Das Projekt GIDEA will durch den gezielten Einsatz digitaler Assistenten den spürbaren Druck bei indirekten Aufgaben (wie Wegen und Dokumentation) senken, um die Arbeitsqualität und die Gesundheit des Personals nachhaltig zu sichern.
- Wie geht es weiter? Aus den Impulsen unserer Teams entsteht eine VR-Plattform und ein digitaler Katalog. Dieser soll Pflegenden in ganz Deutschland dabei helfen, per VR-Brille vorab zu testen, welche technischen Hilfsmittel wirklich zu ihrer Einrichtung passen.