Unterstützt wurden sie dabei von ehrenamtlichen Lotsinnen und Lotsen, die selbst abstinent sind oder als Angehörige von suchtkranken Menschen persönliche Erfahrungen in die Begleitung einbringen. "Aus diesen eignen Erfahrungen wissen sie, wie schwer der erste Schritt sein kann", sagt Nora Courtpozanis, die gemeinsam mit Kristina Müller das Lotsennetzwerk koordiniert. Die beiden Therapeutinnen des Suchthilfezentrum Darmstadt sind vom Konzept der Begegnung auf Augenhöhe überzeugt und entwickeln es kontinuierlich weiter.
Die ehrenamtlichen Wegbegleitungen zeigen den Menschen, die sich noch im Konsum oder am Beginn ihrer Veränderung befinden, dass ein Leben ohne Sucht möglich ist. Häufig findet der erste Kontakt bereits während eines Aufenthalts zur Entgiftung in einer Klinik statt. Die Begleitung erfolgt vertraulich, kostenlos und individuell, beispielsweise durch persönliche Gespräche oder Telefonate. Ziel ist es, den Einstieg in das Suchthilfesystem zu erleichtern und Betroffene zu motivieren, weitere Hilfsangebote wie Beratung, Therapie oder Selbsthilfegruppen anzunehmen.
"Gerade diese niedrigschwellige Unterstützung schließt eine wichtige Versorgungslücke", erklärt Caritasdirektor Winfried Hoffmann. "Menschen mit einer Suchterkrankung werden im medizinischen Alltag häufig zunächst wegen anderer Erkrankungen behandelt. Die Suchterkrankung bleibt dabei nicht selten unerkannt oder wird aus Zeitgründen nicht ausreichend thematisiert." Gleichzeitig sei es ein typisches Merkmal der Erkrankung, dass es vielen Betroffenen schwerfalle, ihre Abhängigkeit offen anzusprechen. Hier setze das Lotsennetzwerk an und schaffe eine Brücke zwischen medizinischer Versorgung und Suchthilfe.
"Unsere Lotsinnen und Lotsen ergänzen die professionelle Beratung und Therapie auf einzigartige Weise", betont Andrea Wiechert, Leiterin des Suchthilfezentrums Darmstadt. "Sie bringen ihre eigenen Erfahrungen ein. Das hat einen unschätzbaren Wert. Für viele Betroffene ist diese Begleitung ein entscheidender Baustein, um abstinent zu leben und neue Perspektiven zu entwickeln."
Getragen wird das Lotsennetzwerk vom Caritasverband Darmstadt. Kooperationspartner sind regionale Selbsthilfeverbände, darunter Kreuzbund, Aktive Suchtselbsthilfe (ASS) sowie zahlreiche andere Gruppen. Finanziert wird das Projekt durch die Deutsche Rentenversicherung Hessen.
Ein zweiter wichtiger Bestandteil des Projekts ist die enge Zusammenarbeit mit Kliniken in der Region, unter anderem mit dem Vitos Klinikum Riedstadt, Vitos Klinikum Heppenheim, dem Klinikum Darmstadt sowie dem Zentrum für seelische Gesundheit in Groß-Umstadt. Über die Kliniken können Betroffene bereits während eines stationären Aufenthalts den Kontakt zum Lotsennetzwerk aufnehmen. Nach ihrem Einverständnis vermittelt die Koordinationsstelle eine passende Lotsin oder einen passenden Lotsen.
Die Ehrenamtlichen übernehmen bewusst keine therapeutische Rolle", betont Kristina Müller. "Sie zeigen Wege auf, begleiten, machen Mut und teilen ihre persönlichen Erfahrungen. Ohne die Lotsinnen und Lotsen wäre die Suchthilfe in Südhessen deutlich ärmer."
Jährlich begleitet das Projekt im Durchschnitt zwischen 80 und 90 Menschen. Rund 40 Prozent der Begleiteten waren im vergangenen Jahr Frauen. Neben Alkohol spielen auch Cannabis, Kokain, Amphetamine, Medikamente sowie weitere illegale Substanzen eine Rolle. Zudem erreicht das Lotsennetzwerk zunehmend Anfragen zu Verhaltenssüchten wie Glücksspiel oder Medienabhängigkeit. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen. Auch diesen Menschen kann das Lotsennetzwerk eine Unterstützung bieten.
Hintergrund
Das Lotsennetzwerk Rhein-Main wurde 2015 gegründet. Es richtet sich an Menschen mit problematischem Konsum oder Suchterkrankungen sowie deren Angehörige und versteht sich als Ergänzung zu professioneller Suchthilfe und Selbsthilfe. Alle Lotsinnen und Lotsen werden in Form einer Schulung auf ihre Tätigkeit vorbereitet und regelmäßig fachlich begleitet. Ihr ehrenamtliches Engagement hilft Betroffenen dabei, den Zugang zum Hilfesystem zu finden, Rückfälle zu vermeiden und neue Perspektiven für ein suchtfreies Leben zu entwickeln.
Die nächste Schulung für die ehrenamtlichen Lots*innen findet 14.11.2026 in Darmstadt statt. Bei Interesse melden Sie sich gerne bei der Koordinationsstelle.
Kontakt:
Lotsennetzwerk Rhein-Main, Suchthilfezentrum Darmstadt
Wilhelm-Glässing-Straße 15-17, 64283 Darmstadt
06151 500 2840
lotsennetzwerk@caritas-darmstadt.de
www.caritas-darmstadt.de/lotsennetzwerk
Informieren über das Lotsennetzwerk: Rainer Steinmetz, Nora Courtpozanis, Kristina Müller und Andrea Wiechert. Caritasverband Darmstadt e. V.