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Stand: 23.05.2019

Pressemitteilung

Erfahrungsberichte

Abstand halten in der Pflege – eine besondere Herausforderung

Die Auswirkungen der Corona-Krise sind überall zu spüren, auch auf die Hilfeangebote des Caritasverbandes Darmstadt. Das oberste Gebot Abstand halten ist im Bereich der Pflege besonders schwer umzusetzen. In sieben ambulanten Pflegediensten und vier stationären Altenhilfeeinrichtungen erleben die Mitarbeitenden der Pflegeberufe in Zeiten von Corona noch nie dagewesene Herausforderungen.

Der Kampf gegen das Corona-Virus stellt das Leben aller auf den Kopf, doch die oftmals hochbetagten und vorerkrankten Pflegebedürftigen, ihre Angehörigen und Pflegekräfte, stationär wie ambulant, drücken oftmals ganz besondere Sorgen. Daher laufen die Telefone bei uns derzeit heiß“, bringt es die Leiterin des Darmstädter Pflegedienstes Bettina Löbig auf den Punkt. „Manche Angehörige haben Sorge, dass wir nicht mehr kommen, andere wiederum haben Angst vor einer Ansteckung und sagen die Besuche ab. Wiederum andere brauchen erstmalig unseren Pflegedienst, da sie entweder nach einem Krankenhausaufenthalt auf Hilfe angewiesen sind oder ihre bisherige Betreuung weggebrochen ist“, so einige Einblicke in die Sorgen und Nöte, mit denen die Dienststellenleiterin tagtäglich konfrontiert wird.
Für ihr Team stellen die Zeiten von Corona auch eine Extremsituation da. Viele Mitarbeitende sind nicht mehr die Jüngsten, und doch sind sie jeden Tag für die Menschen da, die jetzt mehr denn je auf sie angewiesen sind und auf sie warten. Neben der Pflege haben sie für die Sorgen und Ängste der Menschen, die zur besonders hohen Risikogruppe gehören, ein offenes Ohr.

Die Menschen, die zu Hause gepflegt werden, beschäftige das Thema enorm. Nur jedes fünfte Gespräch drehe sich mittlerweile nicht um Corona. Viele sorgten sich schon jetzt, ob für sie im Falle einer Erkrankung ein Beatmungsplatz zur Verfügung stehe und viele vermissen den aufmunternden Händedruck oder die Umarmung – Besonders für Menschen mit Demenz sei dies extrem schwer. Die Regel „zwei Meter Abstand halten“ sei bei aller Vorsicht in der Pflege beim Waschen oder bei der Wundversorgung nicht einzuhalten.
Da braucht es viel Einfühlungsvermögen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, so Petra Schmacht, Koordinatorin der Ambulanten Pflege. Trotz der extremen Belastungen durch dieses Virus und trotz der eigenen Ängste seien die Mitarbeitenden im Einsatz, um Menschen zu Hause zu pflegen. „Die heutige Zeit verdeutlicht mehr denn je, wie unersetzbar es ist, was die Pflegekräfte 365 Tage im Jahr leisten. Für viele Menschen sind unsere Caritasmitarbeitenden derzeit die Einzigen, mit denen sie Kontakt haben können und die sie spüren lassen, da ist jemand für mich da. Die persönliche Ansprache, ein gutes, ein aufmunterndes und ein Mut machendes Wort, das ist es, was neben der professionellen Pflege die Besuche der Caritas so wertvoll macht“, sagt Caritasdirektorin Stefanie Rhein.

Die Arbeitsbelastung ist immens, und dass zu einer Zeit, wo glücklicherweise noch keine Mitarbeitenden und keine Klienten von uns, Stand 6. April 2020, an Corona erkrankt sind“, berichtet Dienststellenleiterin Bettina Löbig.

Da, wo Angehörige zurzeit die Pflege selbst übernehmen können, gibt es teilweise Absagen. Verunsichert seien viele, da die Mitarbeitenden weiterhin nur bei den Klienten Mundschutz tragen, bei denen es auch schon vor Corona-Zeiten medizinisch angezeigt war. Dies ist leider dem Umstand geschuldet, dass durch Produktionsstopp und Unterbrechung der Lieferkette es an ausreichend Mundschutz und Kitteln fehlt, um in einem Ernstfall optimal geschützt zu sein. Der Verband versucht auf unterschiedlichsten Beschaffungswegen neue Lieferungen zu erhalten und hofft darauf, dass von der Politik versprochene Lieferungen auch wirklich eingehalten werden. Mitarbeitende, Klienten und auch Angehörige sind durchweg verärgert, dass Schutzmaterial in diesen schwierigen Zeiten eine Mangelware ist.

Zu dieser großen Sorge um die Gesundheit von Klienten und Mitarbeitenden beschäftigen die sieben Leitungen der Pflegedienste zusätzlich auch wirtschaftliche Sorgen. „Die Absagen mancher Kunden bringen uns derzeit Umsatzeinbußen, andererseits haben Kliniken Schwierigkeiten, ihre Patienten nach Hause zu entlassen und suchen bei uns Hilfe, um die Patienten überzuleiten“, berichtet Bettina Löbig. „Und so treibt mich jetzt die Sorge um, ob wir bei Neuaufnahme vieler Kunden nach Corona noch alle versorgen können.

Es herrscht große Verunsicherung auf allen Seiten. Unsere Kolleginnen von den Heimen betrifft es genauso“, so Caritasdirektor Ansgar Funcke. Als Träger von vier Alten- und Pflegeheimen verfolgt der Vorstand mit Schrecken die Meldungen anderer Einrichtungen, die von hohen Sterberaten berichten, wenn der Virus in einer Einrichtung angekommen ist. „Wir haben gleich zu Anfang der Krise alle Gruppen, die unsere Häuser sonst so beleben, ausgeschlossen, haben die Einrichtungen schon vor Wochen auch für Angehörige geschlossen, da wir die Gefahr für die uns anvertrauten Menschen überall zu minimieren versuchen, wo es in unserer Hand liegt“, so Ansgar Funcke.

Auch in den Heimen wird viel telefoniert, wegen Themen, die sonst im persönlichen Gespräch geklärt werden. Die Sorge der Angehörigen vor einer Isolation der Mutter oder des Vaters bei persönlichem Kontaktverbot, beschäftige viele. Doch letztendlich seien auch sie davon überzeugt, dass es zum Schutze vor einer Ansteckung das Beste sei. Neue Kommunikationswege wie Skypen oder WhatsApp wurden zügig in den Heimen etabliert und würden auch rege genutzt.

Fachkräftemangel

Schon vor Corona-Zeiten wurde immer wieder auf den hohen Fachkräftemangel aufmerksam gemacht. Es sei schwer, die Pflegequalität immer weiter zu gewährleisten, wenn Pflegekräfte fehlen. Schon im letzten Jahr konnte die Caritas im ambulanten Bereich nicht alle Anfragen von Menschen erfüllen. Menschen mussten vertröstet werden oder ihnen musste schweren Herzens abgesagt werden. Das führe zu sehr großem Unverständnis bei den Betroffenen. „Wir bedauern das sehr, aber wir haben auch eine Fürsorgepflicht unseren Mitarbeitenden gegenüber.“ Caritasdirektor Ansgar Funcke hofft, dass die derzeitige Krise dazu genutzt wird, neue politische Weichen zu stellen, die den Beruf für viele wieder attraktiver werden lassen. „Der Dank und das Klatschen der Bevölkerung tut den Pflegekräften in dieser schweren Zeit gut, aber es sollten nun auch politische Taten in Form von spürbar besserer Bezahlung und Personalausstattung folgen.“ Oder wie es Arbeitsminister Hubertus Heil nun formulierte: Nach der Corona-Krise müsse Deutschland „als Solidargemeinschaft“ Konsequenzen aus der Krise ziehen und „Gesundheit und Pflege besser aufstellen“.

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