
Was können Eltern tun, wenn sich ihr Kind anders entwickelt als erwartet? Mit dieser Frage wenden sich viele Familien an die Frühberatungsstellen des Caritasverbands Darmstadt e. V. Hier erhalten Eltern mit Kindern von der Geburt bis zum Schuleintritt Unterstützung, etwa bei angeborenen Behinderungen, Entwicklungsverzögerungen oder nach Unfällen. Eine, die diese Arbeit über Jahrzehnte geprägt hat, ist Jutta Sudheimer. Nach insgesamt 38 Jahren Caritas-Jahren, 34 davon beim Caritasverband Darmstadt, verabschiedet sie sich nun in den Ruhestand.
Das Konzept "Kinder fördern - Eltern stützen" überzeugte sie von Anfang an.
Ihre berufliche Laufbahn begann 1988 beim Caritasverband Frankfurt in der sozialpädagogischen Familienhilfe. Vier Jahre später wechselte sie nach Darmstadt in die Frühberatung, ein Arbeitsfeld, das sie über mehr als drei Jahrzehnte begleiten sollte. Das Konzept "Kinder fördern - Eltern stützen" überzeugte sie von Anfang an. Die Nachfrage nach diesem Angebot ist seitdem stetig gewachsen. Heute bietet der Caritasverband Darmstadt Frühförderung an mehreren Standorten an. Drei davon - in Dieburg, Reinheim und Groß-Umstadt - hat Jutta Sudheimer aus- und aufgebaut und über viele Jahre als Dienststellenleiterin verantwortet.
"Mit Jutta Sudheimer verabschieden wir eine Kollegin, die die Frühförderung unseres Verbandes über Jahrzehnte geprägt hat. Mit großem fachlichen Engagement, viel Empathie und einem klaren Blick für die Bedürfnisse von Kindern und Familien hat sie wichtige Angebote aufgebaut und weiterentwickelt. Für ihren langjährigen Einsatz sind wir ihr sehr dankbar", sagt Caritasdirektorin Stefanie Rhein.
Für Jutta Sudheimer stand dabei immer die Familie als Ganzes im Mittelpunkt. Ein zentrales Anliegen war ihr, dass Eltern möglichst früh und schnell Unterstützung bekommen, wenn sie sich Sorgen um die Entwicklung ihres Kindes machen. Zwar müssen Eltern teilweise auf Therapieplätze warten, doch ein Erstgespräch ist kurzfristig möglich. "Gerade am Anfang brauchen Eltern schnell eine Ansprechperson", sagt Jutta Sudheimer.
Dieser präventive Ansatz war auch Ausgangspunkt für einen besonderen fachlichen Meilenstein:
In enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt des Landkreises Darmstadt-Dieburg entwickelte Jutta Sudheimer die heilpädagogische Kindertagesstätten-Fachberatung. "Sie haben dieses Konzept maßgeblich mitentwickelt. Dadurch konnten pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten frühzeitig beraten und Kinder mit Entwicklungsbesonderheiten besser begleitet werden. Auch das gemeinsam entwickelte Handbuch zur Integration haben Sie mitverantwortet. Bis heute findet es weit über den Landkreis hinaus große Beachtung", betont die Caritasdirektorin.
Aber auch der Umzug der Einrichtung nach Groß-Umstadt im März 2020 gehörte zu den besonderen Highlights im Rückblick auf die beruflichen Jahrzehnte. Die neuen Räume in der Höchster Straße wurden gerade bezogen, als die Corona-Pandemie begann und ein Betretungsverbot ausgesprochen wurde. "Zwei Wochen lang war das Gebäude wie ein Geisterhaus", erinnert sich Jutta Sudheimer. Doch mit Schutzkonzepten und viel Kreativität konnte die Arbeit schnell wieder aufgenommen werden.
Wohlwollendes Miteinander im Team und mit Familien
Was einst mit einem kleinen Team begann, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem interdisziplinären Angebot mit heute über 20 Mitarbeitenden an drei Standorten. Die Teams setzen sich aus Heilpädagogik, Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie und Pädagogik zusammen und arbeiten eng mit Kinderarztpraxen, dem Jugendamt, Kitas und weiteren Institutionen zusammen.
Die Arbeit in der Frühförderung ist anspruchsvoll und oft emotional. Viele Eltern müssen zunächst damit umgehen, dass sich ihr Kind anders entwickelt als erhofft. "Es ist ein Trauerprozess", erklärt Jutta Sudheimer. "Der Schmerz kann groß sein, wenn Eltern merken, dass ihr Kind vielleicht nie so sein wird wie andere." In solchen Situationen gehe es nicht darum, schnelle Lösungen oder Methoden anzubieten. Viel wichtiger sei ein respektvolles und wohlwollendes Begleiten. Lösungen entstünden immer gemeinsam mit den Familien. Für viele war Jutta Sudheimer über die Jahre eine wichtige Begleiterin, die Orientierung und Zuversicht in schwierigen Situationen gab. Ihre Ausbildung als systemische Familientherapeutin half ihr dabei sehr.
Diese Haltung prägte auch ihre Arbeit als Leiterin. In den interdisziplinären Teams legte sie großen Wert auf Zusammenarbeit. "Es war immer ein wohlwollendes Miteinander", beschreibt sie ihre Leitungsphilosophie. Mit ihrer Zusatzqualifikation als Supervisorin begleitete sie auch intern fachliche Prozesse und sorgte dafür, dass unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt wurden.
Problemlagen im Wandel
Die Frühförderstellen haben sich im Laufe der Jahre stark verändert. Heute kommen viele Kinder mit komplexeren Entwicklungsproblemen. Neben motorischen Auffälligkeiten nehmen Sprachentwicklungsverzögerungen, Autismus-Spektrum-Störungen und ADHS-Verdachtsfälle zu. Auch gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich in der Arbeit wider: Mehr als die Hälfte der betreuten Familien hat mittlerweile einen Migrationshintergrund, Dolmetscher*innen werden zunehmend benötigt. Auch organisatorisch hat sich viel verändert. Lange Zeit musste der Caritasverband das Angebot teilweise aus eigenen Mitteln sichern. Erst seit 2012 wird die Frühberatung über kostendeckende Leistungsvereinbarungen finanziert. Für Jutta Sudheimer war es ein wichtiges Signal, dass der Träger auch in schwierigen Zeiten am Konzept der interdisziplinären Frühförderung festgehalten hat. Mit den ältesten, interdisziplinär besetzten Frühförderstellen in Hessen steht der Caritasverband Darmstadt hier seit nunmehr 48 Jahren richtungsweisend für ein ganzheitliches Betreuungskonzept.
Mit dem Landkreis Darmstadt-Dieburg verbindet die Frühförderstelle eine sehr gute Zusammenarbeit. Mit der Eingliederungshilfe als Kostenträger arbeitet die Caritas seit vielen Jahren eng zusammen. Ziel war es immer, gemeinsam auf die Kinder und ihre Familien zu schauen und im Einvernehmen die bestmöglichen Hilfen zu ermöglichen.
Ein Thema bleibt für die Zukunft offen: die Begleitung von Familien beim Übergang von der Frühförderung in die Schule. Für viele Eltern ist das eine Phase mit großen Unsicherheiten, in der sie sich weiterhin eine vertraute Ansprechperson wünschen. Ein Konzept hierzu hat die Frühberatung bereits erarbeitet. Möglichkeiten der Finanzierung gilt es weiter auszuloten. Perspektivisch sollte hier mit ihrer Nachfolgerin Martina Keil-Friske weiter an Lösungen gearbeitet werden.
Nun beginnt für die langjährige Leiterin ein neuer Lebensabschnitt. Nach so vielen Jahren voller Verantwortung möchte sie sich mehr Zeit für persönliche Interessen nehmen: Reisen, italienische und griechische Sprachkurse und den eigenen Garten. "Die Hängematte zwischen zwei Obstbäumen ruft", sagt sie lachend.