URL: www.caritas-darmstadt.de/aktuelles/pressemitteilungen/schlafmangel-fordert-im-strassenverkehr-doppelt-so-viele-todesopfer-wie-der-alkohol-1400ae39-abb3-41
Stand: 12.06.2017

Pressemitteilung

Schlafmangel fordert im Straßenverkehr doppelt so viele Todesopfer wie der Alkohol

Wer kennt sie nicht, die großformatigen Anzeigen der Straßenverkehrsbehörden: Don´t drink and drive!“? Spots im Fernsehen, Kino, Anzeigen in Magazinen – kaum jemand der diese Botschaften im Verlauf einer Woche nicht vor Augen bekommt.

Doch: Durch die Folgen von Schlafmangel werden jährlich im deutschen Straßenverkehr mehr als doppelt so viele Menschen (tödlich) verletzt, als durch die Folgen von Alkohol. Wer kennt eine Kampagne die dazu auffordert, sich nur Ausgeschlafen hinter das Lenkrad zu setzen? Niemand.

Im Gegenteil: Berufskraftfahrer müssen ihre Ruhezeiten in der Regel in erbärmlichen, engen, stickigen und im Sommer überhitzten Kojen ihrer Fahrzeuge verbringen. An erholsamen Schlaf ist da kaum zu denken. Darüber zu sprechen ist aber nicht angesagt, ginge es doch um sehr viel Geld zu Lasten der Spediteure, wenn man, um in diesem Beispiel zu bleiben, die Bedingungen von LKW-Fahrern verbessern wollte. So akzeptiert die Gesellschaft stillschweigend jede Woche mehrere Todesopfer und Schwerverletzte auf bundesdeutschen Straßen. Tödliche Normalität.

Bei Alkohol ist das einfacher: Da wird das Problem zur Privatsache erklärt und somit individualisiert. Somit aber auch entpolitisiert.

In einem prägnanten, faktenreichen aber stets auch augenzwinkernden Vortrag begeisterte Dr. Hans-Günter Weeß von der Akademie für Schlafmedizin (AfS), Leiter des Schlafzentrum im Pfalzklinikum und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Ende Januar 2018 die knapp über 60 Zuhörerinnen im Darmstädter Justus-Liebig-Haus.

Sicherlich wären an diesem Abend auch noch mehr Menschen dem spannenden Vortrag gefolgt, wenn der Deutsche Fußballbund nicht vor einigen Wochen das Fußball-Lokalderby zwischen Darmstadt 98 und dem 1.FC Kaiserslautern just zeitgleich datiert hätte. 17.000 Menschen im Stadion und zeitgleich ein WM-Spiel der Deutschen Handball-Nationalmannschaft als Liveübertragung im Fernsehen waren dann aber anscheinend doch eine attraktive Alternative.

Ein- und Durchschlafstörungen stellen eine häufige und weitverbreitete Erkrankung dar. 6% der Deutschen leiden an behandlungsbedürftigen Ein- und Durchschlafstörungen. Wesentliche Ursachen sind neben organischen Erkrankungen, Fehlverhaltensweisen und Medikamentennebenwirkungen ein erhöhtes Stresserleben. Eine wesentliche Ursache für Schlafstörungen ist in unserer 24 Stunden Non-Stopp Gesellschaft die Schichtarbeit. Nahezu jeder 6. in Deutschland arbeitet in Schicht und schichtnahen Diensten. Schlafstörungen führen zu psychosoziale Einschränkungen, einem reduzierten Leistungsvermögen am Arbeitsplatz und emotionaler Instabilität (Depressionen, Burnout). Vermehrte Gesundheitsrisiken sind häufige Folgen. Unbehandelte und chronische Schlafstörungen bergen ein höheres Risiko für Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes und psychische Störungen. Vermehrte Arztkontakte, Kuraufenthalte und eine erhöhte Anzahl an Krankschreibungen sind wissenschaftlich gesichert.

In der dem Vortrag folgenden Fragerunde berichteten einige Schichtarbeiter aus Krankenhäusern, Pflegediensten und Polizei von ihren persönlichen Schlafproblematiken in diesem Zusammenhang. Hier wurde auch deutlich, dass die jeweiligen Arbeitgeber ihrer Fürsorgepflicht für die Gesundheit ihrer MitarbeiterInnen viel stärker als bisher gerecht werden müssen. Dr. Hans-Günter Weeß stellte anhand von Studienergebnissen eine Reihe ganz pragmatischer Sofort-Maßnahmen vor, deren Umsetzung zu mindestens eine teilweise Abschwächung der negativen Folgen von dauerhafter Schichtarbeit haben könnte.

Literaturtipp

Dr. Hans-Günter Weeß,
Die schlaflose Gesellschaft,
Schattauer-Verlag,
19,99 Euro
Beschreibung und Leseprobe unter:
https://www.klett-cotta.de/buch/Schattauer/Die_schlaflose_Gesellschaft/92431

Galerie

Copyright: © caritas  2018