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Stand: 12.06.2017

Pressemitteilung

Demenz hat viele Gesichter

Es war an ihrem 54. Geburtstag, als Helga Rohra erlebt, wie eine Diagnose einen Menschen in tiefe Verzweiflung stürzen kann. Mitten im Leben, als berufstätige Konferenzdolmetscherin von sieben Sprachen und alleinerziehende Mutter eines Sohnes mit Autismus hatte sie noch viele berufliche und private Pläne, als die Diagnose Demenz ihr ganzes Leben verändert habe. Rund ein Jahr habe sie danach gebraucht, um diesen Schicksalsschlag verarbeiten zu können und nach geleisteter Trauerarbeit die Defizite zu akzeptieren und wieder an sich zu glauben.

Nun setzt sie sich seit rund sechs Jahren vehement für die Rechte von Menschen mit Demenz ein, und das europa- und auch weltweit. „Auch ein Leben mit Demenz ist lebenswert und erfüllt“, so die beeindruckende Frau, die von ihrem „neuen“ Leben im Alten-Pflegeheim St. Elisabeth in Bürstadt erzählt.

„Ich möchte sie berühren und nicht nur informieren“, so begann die Münchnerin im vollbesetzten Briebelsaal, und das gelang ihr auch.

Wie merkt man überhaupt, dass etwas auffällig ist? Helga Rohra merkte es an vielen kleinen Merkwürdigkeiten. Worte fielen ihr beim Dolmetschen nicht ein, sie verdrehte Buchstaben, hatte Konzentrationsschwierigkeiten  und Orientierungslosigkeit, sie fühlte sich fremd und war selbst beim Einkaufen überfordert. Zunächst dachten die Ärzte an Erschöpfung. Als optische Halluzinationen hinzu kamen, dachte sie selbst an einen Tumor. Existenzangst habe ihr Leben in dieser Phase bestimmt. Nach langen Umwegen dann schließlich die Diagnose Lewy-Body-Demenz, die Alzheimer ähnelt und sich durch einen schwankenden Krankheitsverlauf auszeichnet. Danach habe sie sich zunächst wie betoniert gefühlt.

Vom Arzt habe sie nach der Diagnose überhaupt keine Hilfe bekommen, doch der Besuch einer Selbsthilfegruppe nach einigen Monaten nach der Diagnose gab ihr wieder Mut. Dort fühlte sie sich zum ersten Mal verstanden und sie lernte mit der Krankheit zu leben und wurde zur Aktivistin im eigenen Land. Als erste Demente wurde sie in den Vorstand der Alzheimer Gesellschaft in München gewählt und seit 2012 ist sie auch europäische Patientenvertreterin im WDC (World Dementia Council). Sie schreibt auch ein Buch über ihre Krankheit mit dem Titel: „Aus dem Schatten treten“. Und dafür kämpft die Münchnerin jeden Tag. Sie setzt sich dafür ein, dass auch in Deutschland das Thema Demenz salonfähig wird, wie sie es nennt. Mehr Demenzfreundlichkeit im Alltag und das Recht, einen Behindertenausweis zu bekommen, seien nur wenige Beispiele, in denen andere Länder wie Skandinavien oder Großbritannien schon lange mit Modellcharakter Deutschland meilenweit voraus seien.

Alle vier Sekunden bekommt auf der Welt ein Mensch die Diagnose Demenz, dabei fragt Demenz nicht nach Alter, Beruf oder sozialem Stand. Daher geht es uns alle an.

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